Fremdgehen: Ein Reizthema, das viele sofort triggert

Untreue ist für viele Menschen ein absolut rotes Tuch, bei dem die Emotionen schnell hochkochen. Falschaussagen und Betrug sind kriminelle Handlungen, keine Frage. Aber unter dem Teppich liegen noch viel mehr Lügen, die entdeckt werden wollen, bevor wieder Harmonie einkehrt in der Partnerschaft.

Foto: Brieuc Saffré / flickr CC BY 2.0 Generic Deed

Keiner will es erleben, doch viele tun es

Die Angst vor diesem Thema hat wohl damit zu tun, dass Fremdgehen in der Regel mit Betrug einhergeht und somit einen gewaltigen Sprengstoff enthält. Es passiert heimlich, hinter dem Rücken des gutgläubigen Partners, der voll im Vertrauen lebt und nicht das Geringste ahnt. Meistens schaut man nur auf die Folgen, nämlich die Eifersucht, den Vertrauensverlust und das drohende Ende der Hauptbeziehung. Der Betrüger ist der Böse und der Betrogene das arme Opfer. Der oder die Geliebte eine teuflische Gestalt im Hintergrund, ein selbstsüchtiger Mittäter ohne Gewissen. Aber diese Sichtweise bringt niemanden weiter, sondern verhärtet nur die Fronten.

 

Worum es eigentlich geht

Das Drama ist nicht, dass ein monogam gebundener Mensch auch noch mit anderen Menschen ein Naheverhältnis eingeht, sondern das Kernproblem ist die Unwahrheit, die sich eingeschlichen hat. Fremdgehen beginnt damit, dass Paare frustriert sind, einander nicht mehr zuhören, nicht aufeinander eingehen und sich nicht ausreden lassen. Fremdgehen ist nicht etwas, was nur einer der beiden Partner macht, sondern auch der betrogene Partner ist beteiligt. In Ehen und festen Beziehungen gehen viele Paare davon aus, dass sie sich alles erlauben können, weil der Partner gebunden ist und nicht weg kann. So kommt es, dass die, die später betrogen werden, glauben, ihren Partner einschränken, bevormunden, manipulieren und unterdrücken zu können. Der Partner, der später fremd geht, kann seine eigene Wahrheit immer weniger leben und neigt immer mehr dazu, die vermissten Freiheiten bei anderen Menschen zu suchen. Bis es irgendwann passiert.  

 

Die Mitschuld des Betrogenen

Der Betrogene wähnt sich völlig unschuldig und wahrscheinlich gibt es wirklich Fälle, wo der Betrogene gar nichts dafür kann. Aber meistens ist der Betrogene geneigt, sich selbst zu betrügen, sich was vorzumachen, nicht genau hinzusehen, Konflikte zu meiden und die Wünsche des Partners nicht ernst zu nehmen. Da das Fremdgehen zum Verlust der Nähe führt, weil immer mehr Lügen im Raum stehen, müsste der Betrogene frühzeitig merken, dass was nicht stimmt. Alle Indizien in Form von Ausreden, Ausweichen, Ausflüchten, Distanzierung, Rückzug und Entfremdung werden übersehen. Mehr noch: Viele Betrogene lassen beängstigende Hinweise nicht gelten, sondern leugnen, was sie wahrnehmen, spüren oder zu hören bekommen. Sie ziehen die Zügel noch straffer an und schränken die Freiheiten des Fremdgehers weiter ein. So kommt es, dass der Betrüger eine Atmosphäre vorfindet, in der es immer unmöglicher wird, zur Wahrheit zurückzukehren. Die Spannung steigt und die Angst vor der Wahrheit wächst auf beiden Seiten ins Unermessliche. Wenn die Geschichte auffliegt, rasten alle aus.

 

Die Rolle der Geliebten

Bei den Geliebten, egal ob männlich oder weiblich, wird gerne übersehen, dass sie ganz normale Menschen sind und nicht nur zerstörerisch wirken, sondern auch viel zur Stabilisierung der Hauptbeziehung beitragen. Die von Grund auf unehrlich gewordene Hauptbeziehung ist weniger anfällig für Krisen, weil sich der fremdgehende Partner zu Hause deutlich entspannter und gleichgültiger verhält. Schließlich hat er noch eine zweite Bezugsperson, die es ihm erlaubt, die fehlenden Wahrheiten auszuleben. Was er zu Hause nicht darf, wird eben woanders gelebt. Wenn Geliebte nicht unsichtbar im Hintergrund bleiben, sondern fordernd in die Hauptbeziehung eindringen und Klarheit verlangen, bleiben die wahren Verhältnisse nicht lange geheim. Systemisch gesehen hat der Ehepartner Vorrang, nicht nur, weil er schon länger in der Beziehung ist, sondern weil ein Ehevertrag unterschrieben wurde. Die scheinbar destruktiven Energien der Geliebten sorgen für Veränderungen, die längst notwendig sind und letztlich zu was Besserem führen können.

 

Die Chancen der Untreue

Betrug ist meist ein Versuch, Einschränkungen zu entgehen und woanders mehr Freiheiten zu finden. Doch die Lügen bauschen sich immer mehr auf und irgendwann bricht das Kartenhaus zusammen. Nun kommt die Wahrheit lawinenartig ans Licht und alle Beteiligten fühlen sich überfordert. Alle, was voher nicht angeschaut werden wollte, liegt jetzt auf dem Tisch. Eine sehr schmerzhafte Auseinandersetzung mit der Wahrheit beginnt. Und damit ist nicht nur die Tatsache gemeint, dass gelogen worden ist. Sondern alles, was nicht stimmt in der Hauptbeziehung und auch in der Nebenbeziehung. Wenn es nun gelingt, endlich ehrlicher zu werden, ist wieder mehr Nähe möglich. Sich einzugestehen, dass die Beziehung nicht automatisch in Ordnung ist, wenn der störende Dritte verschwindet, ist ein schwieriger Prozess, der nicht immer zugunsten der Hauptbeziehung ausgeht. Oft war von vorneherein zu wenig Nähe, Offenheit und Ehrlichkeit möglich, weil einer der beiden Hauptpartner beziehungsunfähig ist oder die beiden zu wenig gemeinsam haben oder sich gegenseitig behindern. So gesehen kann Fremdgehen am Ende sehr klärend wirken, so schrecklich es auch anmutet.

 

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